Ausstellung in Wien: Europas beste Bauten

Noch bis zum 22. Oktober läuft im Architekturzentrum Wien eine Ausstellung, die für viele als das Museums-Highlight des Jahres gilt: Zu sehen sind die momentan relevantesten Werke der zeitgenössischen Architektur. Denn was hier ausgestellt wird, hat Rang und Namen – und wurde für den „Mies van der Rohe“-Award nominiert. Erstmals wurde dieser bedeutendste europäische Architekturpreis heuer an gleich zwei Wohnbauten verliehen, bei denen der Baustoff Beton seine ganze soziale Kompetenz ausspielen konnte.

Was zeichnet moderne Architektur aus? Mies van der Rohe hatte eine Ahnung davon. Er war nicht einfach nur ein visionärer Stararchitekt. Die deutsche Illustrierte „Stern“ schrieb schon vor Jahren: „Er war ein Magier. Er brachte Beton zum Schweben. Er kreierte Wohnlichkeit mit Stahl.“ Und tatsächlich ist der Name Mies van der Rohe eng mit der enormen Bedeutung von Beton in der modernen Architektur verknüpft.

Einer seiner berühmtesten Entwürfe brachte schon 1923 „Eisenbeton“ ins Spiel – wurde aber nie realisiert. Dennoch stand bei seiner einzigartigen Mixtur aus konstruktiver Logik und räumlicher Freiheit immer der Baustoff Beton im Mittelpunkt: als Grundpfeiler der technischen Zivilisation. Gerade sein Hang zum Minimalismus lässt viele seiner Bauten heute noch unglaublich modern erscheinen. Sein Motto war schon vor vielen Jahrzehnten zukunftsweisend: „Weniger ist mehr“.

Architektur heute: Modernität mit Beton

Heute setzt der „Mies van der Rohe“-Award, der nur alle zwei Jahre verliehen wird, in diesem Sinne Akzente in Sachen Modernität. Damit werden Projekte ausgezeichnet, „deren visionärer Charakter als Orientierung, wenn nicht gar als Manifest für die Entwicklung zeitgenössischer Architektur dient“, wie es in der offiziellen Erklärung heißt. Er ist also der wichtigste europäische Preis für zeitgenössische Architektur. Er ist so wichtig, dass ihm eine Wanderausstellung folgt, die in ihrem Titel anmaßend klingen könnte, wenn sie das Versprechen nicht einhalten würde: „Europas beste Bauten“ heißt sie.

Das sind hohe Ansprüche, und entsprechend spektakulär waren die ausgezeichneten Bauwerke der letzten Wettbewerbe: Preisträger waren vor allem Kulturbauten von internationalem Format, etwa die französische Nationalbibliothek, das Kunsthaus Bregenz oder die Neue Oper in Oslo, die wie ein riesiger Eisberg am Fjord der Bjørvika-Bucht steht. Da ist es schon verwunderlich, dass heuer ein eher profanes Projekt die Nase vorn hatte – nämlich ein auf den ersten Blick ganz normales Wohnbauprojekt in Amsterdam. Der Name: De Flat Kleiburg.

Amsterdam im Fokus: Sanierter Plattenbau

Foto: Marcel van der Burg

Auf den zweiten Blick aber sieht das schon ganz anders aus. Das Büro „NL architects“, das schon für den Seestadt-Tower in Aspern verantwortlich war, tat sich für dieses Projekt mit XVW Architectuur zusammen. Architekturliebhabern sind die „NL architects“ übrigens noch wegen eines anderen Bauwerks in Erinnerung: 2004 gestalteten sie als Nachwuchstalente die heute legendäre „Basket-Bar“ – und gewannen beim „Mies van der Rohe“-Award den Nachwuchspreis.

In Amsterdam standen die Macher zunächst nahezu auf verlorenem Posten: Der Plattenbau, den sie ins Visier genommen hatte, sollte eigentlich abgerissen werden. Die Architekten retten den Komplex – und sanierten ihn vorbildlich und beispielhaft.

So blieb der massive, ganze vierhundert Meter lange Betonbau nicht nur erhalten, er wurde plötzlich zur beliebten Adresse. Das Ziel der Architekten und der Planer war es, auch nach der Sanierung kostengünstigen Wohnraum anzubieten, den sich die Bewohner nach eigenen Vorstellungen gestalten können. Die Wohnungen mit ihren rund 55 Quadratmetern wurden also erhalten – nur dass jetzt die Menschen mehrere Apartments zusammenlegen konnten. Und das ganz individuell, je nach dem Budget, das zur Verfügung stand.

Foto: Marcel van der Burg

Günstiger Wohnraum mit Beton

Der Trick: Durch dieses Konzept wurden ganz unterschiedliche Zielgruppen angesprochen. Zum einen bietet das Wohnprojekt tatsächlich den günstigen Wohnraum, der für die Gegend ursprünglich typisch war. Andererseits standen durch die Möglichkeit, sich selbst kreativ einzubringen, auch wohlhabendere Wohnungssucher Schlange, als es um die Verteilung ging. Auch aus diesem Grund beschied die Jury dem Projekt, einen Widerspruch aufzuzulösen: Das Projekt De Flat Kleiburg, so lobte die Jury, sei „gewöhnlich und heldenhaft zugleich“. Dotiert ist der Preis übrigens mit 60.000 Euro.

Für Angelika Fitz, Direktorin des „Az W“, stehen die sozialen Aspekte im Vordergrund, die sich mit Betonbauten realisieren lassen: „Die Hinwendung zum sozialen Wohnbau, aber auch zum Thema Umbau und Weiterbau des Bestandes,“ so sagte sie bei der Ausstellungseröffnung, „setzt ein klares Zeichen für eine Reorientierung der Architektur in Richtung einer gebauten Verteilungsgerechtigkeit und des Haushaltens mit Ressourcen.“

Foto: Marcel van der Burg

„Soziale Verantwortung zeigen!“

Das Siegerprojekt zeige, dass sich die aktuelle Wohnungskrise in den europäischen Großstädten lösen ließe – wenn auch die Frage beantwortet wird, welche Wohnungen gebaut werden und für wen überhaupt gebaut wird. Die Frage nach dem richtigen Baustoff allerdings stellt sich dabei kaum: Gerade wenn es darum geht, soziale Verantwortung zu übernehmen, ist auf Beton nämlich Verlass. Von der Sicherheit über Lärmschutz, der gerade im urbanen Miteinander wichtig ist, bis hin zur nahezu unendlichen Haltbarkeit: Beton zeigt sich als ideale Lösung.

Auch das mit dem Nachwuchspreis ausgezeichnete Projekt bietet „neue Antworten auf die veränderten Lebensstile des 21. Jahrhunderts“, wie Angelika Fitz es formulierte. Dieser Preis ging fürs Jahr 2017 an einen sozialen Wohnungsbau in Belgien: In Brüssel wurden Sozialwohnungen für kinderreiche und einkommensschwächere Familien errichtet. Das in der belgischen Hauptstadt ansässige Architekturbüro  MSA/V+ plante unter dem Titel NAVES fünf Sozialwohnungen im Norden von Brüssel – genauer: in Schaarbeek, einem der heißesten Pflaster in Europa.

Dynamische Raumerlebnisse

Die Jury lobte die Planer auch dafür, dass sie die Bedürfnisse der Menschen im Städtchen sehr ernst nehmen. So gibt es viel natürliches Licht in den Räumen, die Innenräume sind zwar funktional, aber sehr anspruchsvoll und ganz unterschiedlich gestaltet. Es gibt also viel Abwechslung – und, wie die Jury es ausdrückte, „dynamische Raumerlebnisse“.

NAVES in Brüssel. Foto: Serge Brison

De Flat Kleiburg und NAVES sind aber nur zwei von vielen Projekten, die im „Az W“ ausgestellt werden. Die Ausstellung „Europas beste Bauten“ zeigt alle vierzig Projekte, die nominiert oder prämiert wurden. Eingereicht worden waren ganze 355 Projekte aus 36 Ländern. Der österreichische Anteil war übrigens ziemlich groß: Ganze achtzehn Nominierungen gingen mit heimischer Beteiligung über die Bühne – und die sind ebenfalls allesamt zu sehen.

Award 2017: Beton im Vordergrund

Dass Beton beim Award 2017 so sehr im Vordergrund stand, verwundert nicht. Unter den fünf Finalisten befindet sich ein weiteres äußerst beeindruckendes Bauwerk, das ohne Beton nicht denkbar gewesen wäre: Die Gedenkstätte „Mémorial du Camp de Rivesaltes“ in Frankreich, die an das „Lager der Unerwünschten“ nahe der spanischen Grenze erinnert, das während der deutschen Besatzung unter anderem als Hauptsammellager für französische Juden diente. Architekt Rudy Ricciotti baute ein 220 Meter langes, zwanzig Meter breites und vier Meter hohes Gebäude, das tausend Quadratmeter Platz für eine Dauerausstellung bietet plus viel Raum für Wechselausstellungen, einen Kinoraum und mehrere Säle.

Angelika Fitz bei der Eröffnung. Foto: Anders Sune Berg

Im Architekturzentrum Wien steht nun noch bis zum 22. Oktober der soziale Wohnungsbau in seinen modernen Facetten im Vordergrund. Die spannende Frage: Wie lassen sich heute Großwohnbauten aus der Nachkriegszeit neu denken? Was muss abgerissen werden – und was lässt sich sanieren? Tatsache ist, dass auch in Österreich viele Gebäude sozial, funktional und technisch erneuert werden müssen. Angelika Fitz selbst stellt den Bezug aus Benelux her: „Die AzW-Ausstellung ist eine Ermutigung, neue Modelle wie de Flat Kleiburg auszuprobieren!“

Das Architketurzentrum und der Baustoff: enge Verbindung

So zieht der Baustoff Beton wieder einmal zahlreiche Besucher ins Museum. Dass Beton so kurz nach der vielbeachteten Brutalismus-Ausstellung „Rettet die Betonmonster“ im nun fünfundzwanzig Jahre alten Architekturzentrum Wien schon wieder im Mittelpunkt steht, ist vielleicht Zufall. Vielleicht aber auch nicht.

Augerichtet wird die Ausstellung übrigens von der „Fundació Mies van der Rohe“ in Barcelona. Geöffnet ist die Wanderausstellung täglich von 10 bis 19 Uhr.