Leben am Wasser: Wohnhaus und Atelier – mit Bauteilaktivierung!

Inmitten des Welterbes ist im Hafen von Neusiedl am See eine neue Wohnsiedlung entstanden. Vom Festland über zwei Brücken zugänglich, ist die Anlage über schiffbare Kanäle auch direkt mit dem See verbunden. Hier haben sich die ortsansässigen Architekten Halbritter & Hillerbrand ein Atelier und Wohnhaus in weißem Beton gebaut. Wie aus einem Guss mit präziser Planung bis ins kleinste Detail fügt sich das Gebäude mit Eleganz und Zurückhaltung in die einzigartige Landschaft.

Hafensiedlung Neusiedl am See Architektur: Architekten Halbritter & Hillerbrand ZT GmbH

Hafensiedlung Neusiedl am See
Architektur: Architekten Halbritter & Hillerbrand ZT GmbH

Die Region Neusiedler See gehört seit 2001 zum UNESCO Welterbe. Das heißt, es gelten die Schutzbestimmungen zur Erhaltung der traditionellen Kulturlandschaft und neue Projekte unterliegen der Beurteilung eines Gestaltungsbeirates. Das vorgesehene Bauvolumen so behutsam wie möglich in den Schilfgürtel der pannonischen Tiefebene zu integrieren lautete der Anspruch an die Architekten Halbritter & Hillerbrand, die auch für die Planung des gesamten Areals verantwortlich zeichnen.

Individuelle Bauformen, einheitliche Freiräume

Ziel der Planer war die Verbindung individueller Bauformen mit einheitlichen, öffentlichen Freiräumen um damit dem gesamten Areal ein homogenes Erscheinungsbild zu verleihen. Dazu wurde der Teilbebauungsplan bis ins kleinste Detail ausgearbeitet. Alle Flachdächer sind begrünt, die Anbringung von vertikalen Elementen wie Satelliten Antennen oder dergleichen ist nicht möglich. Ein L-förmiger Grundriss bildet die bauliche Grundstruktur der vorwiegend eingeschossigen Gebäude. Allein entlang der Straßenzüge wurde in einem festgelegten, reduzierten Umfang eine zweite Ebene ausgeführt.

Architekten als Bauherren

Im eigenen Haus zeigen die Architekten, dass es nur weniger Materialien und Formen, dafür aber umso höherer Präzision bedarf, um ein Thema auf den Punkt zu bringen. Zwei L-förmige Grundrisse bilden hier ein Semi-Atriumhaus das straßenseitig geschlossen und zum Wasser hin mit einem Dach verbunden ist. Mobile, textile Elemente ermöglichen eine Abgrenzung nach außen. In einem Seitentrakt befindet sich das Atelier, im anderen das Wohnhaus. Zwei zirka 40 m² große Studios bilden zur Straße hin die zweite Ebene. Der Innenhof mit Pool schafft den Übergang vom privaten zum öffentlichen Bereich, von der Bebauung in die Naturlandschaft, und interpretiert in zeitgemäßer Form den burgenländischen Streckhof.

Fließender Übergang

Fließend ist auch der Übergang der Räumlichkeiten im Inneren des Wohnhauses. Vom straßenseitigen Zugang erreicht man zunächst Garderobe und Schrankraum sowie das Obergeschoss mit Fitnessraum und Sauna. Der langgestreckte, rechteckige Grundriss ist nicht in einzelne Räume geteilt, sondern in eine Abfolge von Funktionen: Schlafzimmer, Bad, Wohnzimmer, Küche und Essbereich. Diese können je nach Bedarf durch mobile Elemente aus Textil oder Glas abgegrenzt werden. Umso näher die Nutzung an das Wasser rückt, desto öffentlicher wird diese.

Konsequente Materialwahl

Während der Ateliertrakt in Ziegelbauweise mit einem hinterlüfteten, zimmermannsmäßigen Flachdach errichtet wurde, wählte man für das auf zwei Seiten über die Wasserfläche kragende Wohngebäude und die Verbindungsbauteile zum Atelier zur Gänze Sichtbeton „Für mich ist Beton ein Naturprodukt“, so die Architektin Heidemarie Hillerbrand, „er verfügt für mich über eine gewisse Sinnlichkeit. Wir wollten die Möglichkeiten des Baustoffs in unserem Wohnhaus ausreizen“. Ein Vorsatz, der rigoros umgesetzt wurde.

Alles Beton

Die Außenwände sind in Sichtbeton: Großformatige, zweischalige Fertigteile mit dazwischenliegender Dämmung kamen hier zum Einsatz. Fensteröffnungen, mit an der Innenseite abgeschrägten Leibungen, stellten zusätzlich eine besondere Herausforderung dar. Die Decke in Ortbeton ist bauteilaktiviert. Um hier eine möglichst glatte Untersicht – analog zur Oberfläche der Wände – zu erreichen, wurden großformatige Holzschalungstafeln verwendet und nach einem festgelegten Deckenfugenbild verlegt. Küchenblock, freistehende Dusche und Badewanne sind ebenso aus Beton. Damit auch optisch ein einheitliches Erscheinungsbild entsteht, wurde der Beton mit Weißzement und weißem Kalkstein ausgeführt. Die dazu notwendige Abstimmung der durchführenden Unternehmen – Fertigbauteile, Ortbeton, Möbel – war entscheidend. Der Boden aus weißem Gussterrazzo mit grauen Rundkorn-Einschlüssen findet seine Fortsetzung im überdachten Außenbereich. Auch die Decke wird, thermisch getrennt, als Überdachung der Terrasse weitergeführt. Die befestigten Flächen des Atriums sind großformatige, monolithische Betonplatten mit maximaler Feldgröße.

Detaillierte Planung

Einbauleuchten, Lichtkanäle und Vorhangschienen sind in die Sichtbetondecke eingelegt. Das erforderte eine präzise Planung bereits in einem sehr frühen Stadium. Aber auch die Anordnung von Fugen sowohl in den Decken als auch in den Wänden, die Ausbildung der Nischen und die Positionierung der technischen Einbauelemente wie E-Auslässe, Sanitärbauteile und Beleuchtungskörper musste genau überlegt werden. „Das ist eine Herausforderung und ein ganz besonderer Reiz für uns Architekten“, so Heidemarie Hillerbrand, „und eine Arbeitsweise wie früher, wo man nicht im Nachhinein alles mit Platten verdeckt und mit Silikonkleber korrigiert hat“.

Nachhaltiges Energiekonzept

Die Energie wird über 8 -10 m tiefe Energiepfähle, die auch als Fundierung dienen, mittels Wärmepumpe gewonnen. Über entsprechende Verrohrungen werden Boden und Decke des Wohnhauses als Energieträger aktiviert und der Beton damit als Speichermasse genutzt. „Die Heizung allein über den Fußboden würde zu überhitzten Fußböden führen und damit zu einer unangenehmen Wärme. Die Bauteilaktivierung der Decken bietet hier die optimale Ergänzung“, so der Architekt Herbert Halbritter, „denn die Strahlungswärme bzw. die Kühlung durch die Decke schafft ein komfortables Raumklima“. Der Strombedarf für die Wärmepumpe wird bei ausreichender Sonneneinstrahlung über horizontale Fotovoltaikpaneele abgedeckt.